Freitag, 4. Dezember 2009

Genie und Wahnsinn


Insbesondere durch mein vorletztes Posting ist bei einigen Lesern der Eindruck entstanden, ich hätte Krebs oder eine ähnlich schlimme Krankheit, das ist aber GottSeiDank nicht der Fall, ich fühle mich soweit munter. Die Untersuchungen, von denen ich berichtete, bezogen sich auf meine Schwerhörigkeit, und die interessante, verlockende, aber eben auch aufregende Möglichkeit, mir eventuell ein
Cochlear Implantat einsetzen zu lassen.

Zur Wiedergutmachung jetzt etwas Lustiges und Lehrreiches dazu. Was macht Kreativität erträglich? Wie können wir uns vor den schrecklichen dunklen Löchern schützen, die uns verschlingen, wenn wir keine Ideen mehr haben? Die Autorin Elizabeth Gilbert spricht 18 Minuten lang über Genie und Wahnsinn (mit deutschen Untertiteln).


Heutzutage ist ja alles geklaut - auch dies. Eine Autorenkollegin (die auch sonst mit viel Inspiration gesegnet ist) hat mich auf dieses wunderbare Fundstück aufmerksam gemacht. Dankeschön, Bettina Stackelberg!

Donnerstag, 3. Dezember 2009

Duell


Wer hochgradig schwerhörig ist (beinahe hätte ich hochkarätig getippt) fragt sich früher oder später, wann das eigentlich so anfing mit dem "schwer hören". Mich verblüffte vor knapp 15 Jahren ein schlauer HNO-Arzt mit der Feststellung, dass ich schon als Kleinkind schlecht gehört habe. Zweifelsfrei beweisen ließe sich das an meiner Aussprache einer einzigen, bestimmten Silbe - welche, weiß ich leider nicht mehr.

Ja, ich erinnere mich: In der Schule saß ich immer vorne, Ausdruck meines außergewöhnlichen Ehrgeizes und Eifers , hieß es. Im Gymnasium war ich in Englisch und Französisch vorbildlich, allein beim Diktat haperte es. Mit Abschreiben kompensierte ich, bis man mir das Blatt wegnehmen wollte. Die Französischlehrerin (über ihre Aussprache wurde in der Klasse übrigens ebenso gelästert wie über meine) duellierte sich mit mir. Wir standen uns gegenüber wie David dem Goliath. Sie zog am einen Ende meiner Schularbeit, ich am anderen, keiner wollte nachgeben. Schließlich ließ ich los, rannte aus dem Zimmer und schlug die Türe zu. Frau Schühlein (sie hieß wirklich so und liest vielleicht mit: Hallo, Frau Schühlein!) folgte mir auf den Gang (jetzt konnten alle anderen abschreiben) und befahl mir zurückzukommen (sie dachte wohl, ich würde aus dem Fenster springen, dabei waren wir im Parterre). Ich sträubte mich zwei, drei Minuten, bis aus ihrer Wut ein sanftes Betteln wurde, dann ging ich mit ihr zurück.

Übermäßig stolz bin ich auf solche Schulepisoden nicht - aber sie erklären einiges.

Mittwoch, 2. Dezember 2009

Metzgern?


Ich werde geduscht sein, frisch rasiert, die blonden Haare gesund nach oben geföhnt, und gut angezogen sowieso, besser als gewöhnlich, eben genau so, als würde mir ein besonders erfreuliches Ereignis bevorstehen. Dabei ist es nur eine Klinik, die ich betreten werde, um dort über Stunden von einer Untersuchung zur nächsten geschickt zu werden. Warum aber all das im Zustand wie aus dem Ei gepellt?

Ich glaube, ich will den Ärzten verklickern, Vorsicht, ihr Körperinspektoren, vergesst nicht, dass in diesem Fleisch ein veritables Subjekt haust, das erhobenen Hauptes in die Schlacht zieht und sich ungern und nur in Ausnahmefällen zum Objekt machen lässt. Vielleicht ist das aber auch nur ein Bestechungsversuch wie ihn alle Operationsbedürftigen nicht unterlassen können: Hey, guckt genau hin, hier liegt ein Missverständnis vor, bei mir gibt es nichts zu metzgern.

Sonntag, 18. Oktober 2009

Die Farbe des Selbstmords


Kennt noch jemand Loriots Film "Ödipussi" von 1988?
Diplom-Psychologin Margarethe Tietze (Evelyn Hamann) und Paul Winkelmann, Geschäftsführer des Stoff- und Möbelgeschäftes „Winkelmann und Sohn“, (Loriot) führen darin folgenden Dialog - es geht um Wohnberatung:

- "Violett ist nicht ungefährlich."
- "Warum?"
- "Frauen bringen sich in violetten Sitzgruppen um... alleinstehende Frauen."

Ist das immer noch so? Die Antwort steht hier.


Montag, 14. September 2009

Ja, aber...


Mit Vertretern dieses Menschenschlags ist wenig anzufangen, höchstens ein Staat zu machen. Bei jedem Vorschlag und jeder Idee erheben sie wie aus der Pistole geschossen Zweifel, Einwände, schwerste Bedenken. Oft geraten diese Bedenken reichlich diffus und werden, wenn man nachfragt, immer diffuser und sind schließlich kaum mehr fassbar. Manchmal jedoch erheischen sogar diese Ideenbremser nachvollziehbare Einwände, an denen sie sich dann mit knirschendem Zahnwerk festbeißen. Aber auch das ist nicht schwer, wenn man bedenkt -wir reden jetzt vom Bioanbau -, dass jedes frische Gemüse, das wir in unseren Händen prüfend drehen und wenden, Stellen aufweist, die nicht so schön anzusehen oder vielleicht schon ein wenig braun sind - aber werfen wir das Gemüse deswegen in den Kompost?

Man könnte annehmen, Vertreter dieses Menschenschlags haben in ihrem Leben schon schwerste Schicksalsschläge aufgrund allzu großer Sorglosigkeiten erlitten und müssen sich deshalb vorsehen. Dem ist meistens nicht so. Vielmehr haben sie einen hartnäckigen Wunsch am Bestehenden festzuhalten offenbar schon von Geburt an. Auch ihre aktuelle Situation, so erfährt man schnell, hat ihre nicht eben geringen Bedenklichkeiten. Wie diese ewigen Zweifler dort überhaupt hingekommen sind - trotz ihrer massiven Bedenken allem und jedem gegenüber - ist ein großes Rätsel!

Auch diese Aber-Sager haben also ihr Päckchen zu tragen. Der Begriff Bedenkenträger weist darauf hin. Tatsächlich laufen viele von ihnen leicht gekrümmt und kleinen Fußes durchs Leben. Aufrecht und heiter und mit offenen Armen und leuchtenden Augen der Morgenröte entgegenzuschreiten ist etwas ganz anderes.


Samstag, 12. September 2009

Affenscheiße zum Frühstück


Charlotte redet im Interview mit der Süddeutschen Zeitung über die lieben Kollegen. Aber nicht die Charlotte aus den Feuchtgebieten geifert da, sondern die britische Schauspielerin
Charlotte Rampling. Das Ergebnis ist ähnlich erfrischend: "Emma Thompson habe ich immer bewundert, schon, weil sie es mit dem furchtbaren Kenneth Brannagh ausgehalten hat." Oder: "Robert de Niro verlangte, dass drei Kameras gleichzeitig auf ihn gerichtet sein müssten, damit nichts von seiner kostbaren Schauspielkunst verloren ging. Drei Kameras gleichzeitig - ich bitte Sie, was soll das?" Und zu guter Letzt: "Alain Delon macht nur noch Affenscheiße."

Danke, Charlotte!

Samstag, 5. September 2009

Wer Schulden hat, muss auch notwendig lügen (Herodot)


Nicht jede staatliche Vergünstigung annehmen, bloß weil sie einem gesetzlich zusteht. Predigte mein Vater. Denn (wie er sich ausdrückte) der Staat sind wir alle!

Dem möchte ich heute ausdrücklich widersprechen. Dieser Staat möchte ich nicht sein. Nie im Leben. Die Scham würde mich vierteilen. Deutschlands Staatsschulden wachsen jede Sekunde um 4.400 Euro. Atmet man da dreimal tief durch, hat man schon den Gegenwert einer hübschen Dreizimmer-Immobilie in Berlin in bester Lage beisammen. Kann das normal sein?

1980 - oh glückliche Tage! - stand unser Land mit nur 237 Milliarden in der Kreide, 1999 waren es bereits 1,2 Billionen - nun gut, denkt man wohlwollend, das waren halt die Folgen des Mauerfalls und der Wiedervereinigung. Aber was passierte dann? Zwischen 1999 und 2009 erhöhte sich die Staatsverschuldung nochmals um 35 Prozent (!), und auch dieser Anstieg hatte eben nur zum Teil mit den Folgen der Finanzkrise zu tun. Derzeit belaufen sich die Staatsschulden auf 1,65 Billionen Euro, für 2010 wird mit mindestens 1,75 Billionen gerechnet. (Quelle aller Zahlen: Bundesfinanzministerium, Bundesbank)

Natürlich wird dieses bedrückende Thema in diesem verlogenen Wahlkampf hartnäckig gemieden oder einfach skrupellos auf den Kopf gestellt, indem man uns hie und da sogar Steuererleichterungen und andere finanzielle Bonbons mehr verspricht. Doch nicht der Tod zahlt alle Schulden, sondern die armen Erben.


Mittwoch, 2. September 2009

Männer haben Spitzenhirne


Schlägt das Patriarchat zurück? Stehen wir vor einer Vatikanisierung der Gesellschaft? Seit vorgestern weiß ich die Antwort. Da las ich vom Kongress "Führungstreffen Wirtschaft", zu dem nicht der Heilige Stuhl, sondern die Süddeutsche Zeitung einlädt. Unter dem Motto
"Von Spitzenkräften lernen" kann man für 2.595,- Euro plus Mehrwertsteuer am 20. und 21. November im Hotel Adlon 27 Spitzenreferenten hören, die 27 Spitzenreferate halten.

Beackert und beoetkert werden Themen wie "Vorbild oder Buhmann: Manager in schwierigen Zeiten" oder auch "Familienunternehmen in der Krise. Wie sie überleben können?" Ach ja, unter den 27 Spitzenreferenten findet sich nur eine einzige Referentin - die Bundeskanzlerin, um die kommt man ja nicht herum, gleichwohl sie eine Frau ist, aber das merkt man bei ihr ja nicht.

Im letzten Jahr sah es auf dem "Führungstreffen Wirtschaft", das die Süddeutsche Zeitung alljährlich veranstaltet, noch etwas besser aus. Da durften Maria Furtwängler, Maybritt Illner, Dr. Nicola Leibinger-Kammüller und Dr. Hubertine Underberg-Ruder mittun. Was aber haben die Damen falsch gemacht, dass man jetzt eine Zugangssperre für Frauen verhängt hat? Waren sie vielleicht nicht blond genug? Oder zu blond? Und bin ich der einzige im Land, der sich über so was aufregt?

Mittwoch, 26. August 2009

Die hohe Schule der Journaille


Für Frauen, die im Fernsehen vor der Kamera stehen oder sitzen, sind Schönheit und Jugendlichkeit starke Verkaufsargumente und fast schon der Ausweis von Kompetenz. Das gilt sogar für Journalistinnen, die doch keine Busenwunder sein müssen, um ihre Aufgabe ordentlich zu erfüllen. Sabine Christiansen sieht heute mit 51 noch jünger aus als vor zehn Jahren, als sie 41 war. Wie kann das sein? Der Gentleman schweigt, nachzufragen verbietet der Anstand, selbst wenn Christiansen gerade wieder Interviews geben muss, um ihr kleines Bildschirmcomeback zu promoten. Gemeinsam mit Stefan Aust, der sie als SPIEGEL-Chefredaketur einst regelmäßig verrissen hat, moderiert sie nun "Ihre Wahl! Die Sat-1-Arena".

Wie sich das tabuisierte Thema trotzdem auf elegante und zugleich hinterfotzige Weise anschneiden lässt, zeigen Joachim Huber und Sonja Pohlmann, die Sabine Christiansen interviewt haben (für Ungeduldige: last question!). Das ist, wie eine liebe Freundin zurecht meint, "die hohe Schule der Journaille".

Donnerstag, 13. August 2009

Den Koffer getragen

Ja, bin ich denn noch zu retten? Letzte Nacht träumte ich von Sibylle Beckenbauer. Sie setzte sich in das Café, in dem ich mit meinem Bruder verweilte, direkt an unseren Tisch, kramte ein billiges Anzeigenblättchen hervor und las darin. Und ich dachte mir noch im Traum, hat die gewesene Kaiserin nicht ein bisschen höhere Lektüreansprüche?

So doof bin ich nicht, dass ich nicht wüsste, warum mein Hirn zur Nacht solche defekten Träume gebiert. Tags zuvor, in einem Zustand größtmöglicher Erschöpfung bei gleichzeitiger Niveauabsenkung landete ich bei Andrea’s Boulevard, scrollte mich rauf und runter und stellte fest, dass die geschiedene Beckenbauer und gewesene Sekretärin beim Deutschen Fußball-Bund hier gewissermaßen zum Grundinventar gehört: Mal Eagles Charity Club, mal Salon mit Dr. Ulrich Bauhofer im Arabella Sheraton Grand Hotel München (Who the hell ist Dr. Bauhofer?), mal Mercedes Benz Fashion Week, mal Omega Golf Cup 2009... Regelmäßig schreibt die Golferin auch noch für zwei Golfmagazine eine Golf-Ladies-Serie. Was man halt so tut als abgelegte Gattin einer "Lichtgestalt des deutschen Fußballs". Beckenbauer-Mutter Antonie kennt auch noch die vergangenen Verdienste ihrer Ex-Schwiegertochter: „Sie hat den Franz ausstaffiert, ihm die Koffer getragen, wenn es schnell gehen musste.“

Franz Beckenbauers Lebensweg pflastern bis heute zwei geschiedene Ehefrauen, eine Langzeitgeliebte und zwei Kurzzeitgeliebte plus (uneheliche) Kinder, alle muck(t)en nicht auf, sagen nur Nettes über den großzügigen Franz oder halten die Klappe. Kein Scheckbuch der Boulevardpresse bewegt sie dazu, über das Leben an der Seite des weltbesten Fußballspielers zu plaudern. In Sibylles Fall munkelte man gar von einer Scheidungsabfindung in zweistelliger Millionenhöhe. Ich meine, scheidungswillige Millionäre sollten sich ein Scheibchen vom guten Franz abschneiden.


Samstag, 8. August 2009

Rechtzeitig bestellen: Weihnachtsgeschenk 2009




Neue Nahrung für meine These von der Unsterblichkeit des Gespenstes Michael Jackson. Schon vor über 3000 Jahren hat The King of Pop gelebt. Eine ägyptische Statue, zu besichtigen im Chicago's Field Museum, ist der Beweis. Zwischen 1550 und 1050 vor Christus wurde Michael gemeißelt!


Donnerstag, 6. August 2009

Comeback


Schumi kommt zurück! Aber helfen Triumphe von damals aus der Krise von heute? Hier ist die Antwort.


Samstag, 25. Juli 2009

Legale Ausbeutung

Die Konservativen geben keine Ruhe. Das von der Justizministerin Brigitte Zypries geplante Ansinnen, Homosexuellen das volle Adoptionsrecht zu gewähren, wird von CDU/CSU abgelehnt. Es ziele bloß auf die Selbstverwirklichung von Schwulen und Lesben, mault Unions-Fraktionschef Volker Kauder, nicht aber auf das Wohl der Kinder. Als wenn das ein Widerspruch wäre, sich selbst zu verwirklichen, indem man eine Familie aufbaut! Im Übrigen: sollten sich Schwule und Lesben nicht ebenso selbstverwirklichen dürfen wie alle anderen Menschen auch?

Wenn behauptet wird, dass Kinder, die von schwulen oder lesbischen Paaren groß gezogen werden, Nachteile in der Entwicklung haben (was nach derzeitigen Erkenntnissen nicht der Fall ist), könnte man in letzter Konsequenz auch allein erziehenden Müttern die Erziehungskompetenz absprechen, ja ihnen am besten gleich die Brut wegnehmen – zum Wohle des Kindes. Dann müsste beispielsweise auch Horst Seehofers Gespielin (die Büroleiterin des CDU-Kollegen Laurenz Meyer), ihr Kindlein wieder hergeben. Doch wohin damit? Da der Apfel ja niemals zu weit vom Stamm fallen sollte, wie der Konservative weiß, wäre es gewiss im Sinne der CSU-Familienpolitik, den Bastard in die offizielle Sippe des bayerischen Ministerpräsidenten zu überführen. Die couragierte Karin Seehofer würde auch das noch verkraften, und mit der Patchworkfamilie, die sich da bildete, könnten die Seehofers auch noch das Zepter des gesellschaftlichen Fortschritts schwenken.

Aber im Ernst. Homosexuelle dürfen ja sogar heiraten! Was wollen die eigentlich noch alles haben? Antwort: Gleichberechtigung. Doch bis dahin ist es auch im Jahre 2009 noch ein weiter Weg. Die so genannte eingetragene Lebenspartnerschaft, die gleichgeschlechtliche Paare seit 2001 eingehen dürfen, bringt nämlich nur eines: finanzielle Nachteile. Mit jeder eingetragenen Lebenspartnerschaft spart der Staat Geld.


Mittwoch, 15. Juli 2009

Danke für die Titt'n

Sascha Lobo, inoffizieller Vorstand der digitalen Bohème und landesweites Vorbild unabhängigen Bloggens, wirbt neuerdings für ein Mobilfunkunternehmen. Gegenüber enttäuschten Fans und anderen Neidhammeln verteidigt er sein Engagement im aktuellen Vodafone-Spot – Zielgruppe „Generation Upload“ - mit dem Hinweis, dass er ohnehin schon immer für die Werbung gearbeitet hätte und zudem iPhones von anderen Anbietern besäße. Wo läge also das Problem?

Das Problem besteht darin, dass sobald genug Euroscheine winken, geistige Unabhängigkeit und Haltung in den Urlaub fahren. Aber auch der muss ja erstmal finanziert werden. Noch schlimmer ist es bei der BILD-Zeitung, da geht solcher Ethos schon ohne Bestechungsgeld flöten. Prominente wie Veronica Ferres, Katharina Witt oder Johannes Kerner werben derzeit auf Litfasssäulen für das Boulevardblatt mit der verlockenden Reichweite von 11,5 Millionen Lesern. Dass ihr Honorar einem guten Zweck zufloss, tröstet so wenig, wie die Insiderinformation, dass von gut 2000 angeschriebenen Prominenten nur eine Handvoll dazu bereit war, bei der Kampagne „Ihre Meinung zu Bild?“ mitzumachen.

Wie sie sich nun dabei spreizen, um ja nicht den Eindruck zu erwecken, sie würden sich Deutschlands Schmutzblatt Nummer Eins anbiedern, es aber letztendlich doch tun, ist grauenerregend verlogen. Kerner, noch TV-Onkel des Öffentlich-Rechtlichen (er wechselt 2010 zum Privatsender Sat 1, hat also nichts mehr zu verlieren) mahnt, er wünsche sich von BILD „etwas mehr Bildung und weniger Meinung“.

Ehrlicher ist da schon die Antwort des Rappers Sido (der allerdings seinen Ruf des Provokateurs gerecht werden muss): „Danke für die Titt’n“


Samstag, 27. Juni 2009

Unerlöst


Michael Jackson ist verblichen, lese ich im Internet.
Nein, er ist unsterblich wie alle Gespenster.


Mittwoch, 24. Juni 2009

Das ist schon unfair...

Manchmal tut es gut, daran erinnert zu werden, dass alles auch ganz anders sein könnte. Heute las ich in der Berliner Zeitung über die Mosuo, eine ethnische Gruppe im Südwesten Chinas, bei der – das ist auch das Thema des Artikels – das Matriarchat „herrscht“. Männer arbeiten nicht, sind weitgehend rechtlos und zuständig nur für die sexuelle Befriedigung der Frauen – auch das hat seinen Preis. Hat eine Frau genug von ihrem Liebhaber, hängt sie seinen Hut an einen Haken vor die Tür. Rien ne va plus. Auch müssen die Männer bei ihren Müttern leben.

In dem Artikel wird ein Mann zitiert: „Das ist schon unfair, dass die Frauen so viel arbeiten, aber so ist das nun mal bei uns. Wir helfen nur, wenn es gar nicht mehr geht.“ Und eine Frau: „Die Männer wissen nicht, was es heißt, eine Familie ernähren zu müssen. Und sie können auch nicht mit Geld umgehen.“

Jährlich strömen fast 100 000 Touristen nach Luoshui, wo die meisten Mosuo leben. Nach diesem Artikel – der argentinische Journalist Ricardo Coler hat auch ein Buch darüber geschrieben – dürften es noch mehr werden.


Dienstag, 16. Juni 2009

Elsa Stock, mon amour

„Aller Anfang ist schwer“, heißt es. Schnell hat man’s nachgeschwätzt. Stimmt das aber?

Wie ich den 90ern an meiner Promotion schrieb, hatte ich eine Mitstreiterin, nennen wir sie Claudia, von der ich behaupten möchte, dass sie mir in puncto wissenschaftliches Arbeiten deutlich überlegen war. Viel habe ich von ihr lernen können – die sonstige akademische Welt leider nur wenig. Denn Claudia hat ihre Promotion nicht fertig geschrieben. Sie scheiterte, nicht am Thema (wie sie möglicherweise bis heute glaubt), sondern an ihren Ansprüchen. Die waren viel zu hoch, quasi unerfüllbar. Vielleicht dachte sie aber auch an einen Satz von Ludger Lütkehaus: „Viel schlimmer, als nie ans Ende zu kommen, wäre es am Ende zu sein. Und was dann?“ Mag ja sein, aber was hilft der beste wissenschaftliche Sachverstand, wenn er der Welt kein Zeugnis hinterlässt?



Jetzt stehe ich wieder am Anfang vom Ende. Vor dem Ende meines ersten Romans. Auf Seite 277 angelangt drängelt alles zum Finale. Doch mich überkommt - wie in der Endphase meiner Promotion - der süße, verführerische Wunsch, nochmals auf Start zu gehen, denn schließlich könnte ich mittlerweile alles noch viel besser - nicht wahr?

Den Teufel werde ich tun!


Mittwoch, 10. Juni 2009

Damit es uns wieder besser geht...


Lange hat es gedauert, bis bei mir der Groschen gefallen ist. Erst gestern kam mir das vielleicht wichtigste Argument in den Sinn, warum die so genannte Abwrackprämie eine Obszönität darstellt. Es handelt sich dabei um eine von Vater Staat munter herausgegebene Parole, die uns lehrt, man müsse Dinge, die eigentlich noch funktionstüchtig sind, zerstören, damit es wirtschaftlich aufwärts und uns wieder besser geht. Auf Destruktion folgt wirtschaftlicher und sozialer Frieden.

Würde man die scheinbar so harmlose Geste des Auto Abwrackens wirklich ernst nehmen - Gott bewahre, dass wir das tun! - dann ließe sich schlussfolgern, ein Krieg mit seinem nachhaltigen Verwüstungsinferno böte noch bessere Voraussetzungen für ein wirtschaftliches Wachstum - hinterher.

Freitag, 29. Mai 2009

Helft Hitzlsperger!

In der Süddeutschen Zeitung erschien in der Wochenendbeilage vom 23./24. Mai ein großer sensationeller Artikel, merkwürdig, dass er nirgendwo kommentiert wurde. Wir wollen das nachholen. Fast die Hälfte der Seite geht für ein männliches Pin-up drauf. Ein hübscher Kerl im Halbprofil mit tiefem T-Shirt-Ausschnitt, Dreitagebart und einem Schlafzimmerblick, der Frauen und Homosexuelle gleichermaßen beunruhigt.

Doch nicht darum geht es in dem Text, sondern um ein viel sensationelleres Doppelleben, das der 27-jährige Thomas Hitzlsperger führt. Der Kapitän des VfB Stuttgart liest Bücher. Romane. Hochliteratur. Quel Tabubruch! Dass Fußballer auch Bücher lesen, wusste ich bisher nicht.

Gleich drei Lieblingsbücher des Alphabeten Hitzlsperger haben die Layouter der Süddeutschen Zeitung vor lauter Begeisterung mit Cover abgedruckt: Roger Willemsen, Clemens Meyer  und J.M. Coetzee – ein echter Nobelpreisträger! In den Schoss fiel dem Mittelstürmer die anspruchsvolle Liebe nicht. Harte Arbeit wie auf dem Rasen war das: „Ich habe mich herangekämpft; von der Zeitung über Sachbücher zur Literatur.“  

Der Artikel endet melancholisch. Als fortgeschrittener Romanleser ist die Spitzenkraft am Fußballplatz  zum Entwurzelten geworden. Er hat, und die Trauer darüber ist nicht zu überlesen, „leider niemanden, mit dem er über Bücher reden kann.“ 

Wer Kontakt aufnehmen möchte: www.thomas-hitzlsperger.de


Freitag, 22. Mai 2009

Franz Kafka trifft Laura Ashley

         Berlin, Berlin... Meine Favoriten (2)

Der große Erfolg des Leipziger Malers Neo Rauch, so wird mitunter gelästert, hätte auch damit zutun, dass seine figürlichen Bilder unendlich Stoff für Interpretation und Analyse böten. Endlich haben Kunstkritiker wieder etwas zu tun, können sich am narrativen Überschwang dieser Rätselbilder abarbeiten, zigfach Anspielungen auf Mythologie und Geschichte entdecken und damit spielend und kompetent das Feuilleton füllen.

Unabhängig davon, ob man Rauch so überhaupt gerecht wird, mir geht es genauso. So sehr ich Abstraktion an der Wand zu schätzen weiß – etwa die filigranen Bleistiftzeichnungen von Cy Twombly – gehöre ich doch zu den Zeitgenossen, die sich jedes Mal unbändig freuen, wenn ihnen Malerei  (über ihr formalästhetisches Gelingen hinaus) etwas zu erzählen hat. Nur ungewohnt und schwebend sollte es sein und bitte ein bisschen rätselhaft – so dass auch der hundertste Blick das Werk noch nicht restlos ausgeschöpft hat.




Die kleinformatigen, bemalten Collagen, die der Berliner Jakob Roepke seit Mitte der 90er herstellt, erfüllen diese Bedingungen aufs Schönste. Der Plot: Menschen werden grotesken, unerwarteten und meistens etwas unbehaglichen häuslichen Szenen ausgesetzt, die sie dann stoisch meistern dürfen. Sie treten in einen spielerischen Zweikampf mit überdimensionierten Tieren, wild gewordenen geometrischen Formen oder den architektonischen Merkwürdigkeiten des kleinen Zimmers, in das sie der Maler hineingesteckt hat. Dass den agierenden Figuren etwas Tänzelndes und zugleich Somnambules anhaftet, nimmt nicht wunder. Jakob Roepke hat sie aus alten Yoga-Handbüchern ausgeschnitten oder der Jiu-Jitsu-Kampfkunst abgeschaut. Die Kulisse wiederum ist den farbigen Mustern von Geschenkpapier zu verdanken - sie geben die nostalgische Grundstimmung vor.



Ich mag diese Collagen sehr. Die sanfte Irritation, die von ihnen ausgeht, regt mich an. Die Poesie rührt mich, die Rätsel will ich ergründen. Jedes dieser mittlerweile über 700 Miniaturbilder (13x12 cm) ist anders, und doch hängen sie inhaltlich und atmosphärisch zusammen: A never ending Story also. 

Immerzu denke ich an Sisyphus und Buster Keaton. Hier paart sich das Monströse mit dem Putzigen, das Wundersame mit dem Unheimlichen. Oder wie umwerfend richtig geschrieben wurde: in Jakob Roepkes Bildern trifft Franz Kafka auf Laura Ashley. Kontakt


Montag, 11. Mai 2009

Sparwitz


Geht der Cowboy zum Friseur - Pony weg!

(Ich danke Beatrice für diesen wunderbaren Blog-Eintrag, demnächst geht's im gewohnten Niveau weiter.)

Montag, 4. Mai 2009

Sogar der Klappentext stimmt


Heute wollen wir ein Buch ins Bewusstsein heben, das kurz davor ist, zum Bestseller zu werden, was es ohne jeden Zweifel auch verdient hätte. Ich habe es mit Atemlosigkeit gelesen, so spannend fand ich es, und gut geschrieben zudem.




Ein nervenaufreibender Thriller mit vielen unerwarteten Wendungen, der in seiner Aufsplitterung in mehrere wechselnde Erzählperspektiven originell konstruiert ist. Am Ende übertreibt der Autor, weil er - was Überraschungseffekte betrifft - unbedingt noch eins draufsetzen will, und einige logische Ungereimtheiten sind auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Warum aber dennoch meine Begeisterung?  
  
Weil es hier nicht allein darum geht, Leser mit Herzklopfengefühl zu unterhalten, sondern weil der Roman eben auch interessante Aussagen über die zeitgenössische Gesellschaft macht. Etwa darüber wie Opfer, denen Gewalt angetan wird, selbst zu Tätern werden. Und das wird in der vordergründigen Thrillerhandlung so schlüssig  und beklemmend vorgeführt, dass es mich mehr überzeugt als eine wissenschaftliche Gesellschaftsanalyse. Eine ziemlich pessimistische Diagnose über "eine Welt, in der wir der Gewalt nicht mehr ausweichen können". Dieses Zitat stammt aus dem Klappentext - und es ist einer der wenigen Fälle, die ich kenne, wo der Klappentext auch zutrifft.  

  
  

Donnerstag, 23. April 2009

Georg und ich


Ich habe heute Namenstag. Wusste das vorher selbst nicht, aber mein Provider war so freundlich, mich darüber zu informieren. Ich heiße zwar nicht Georg, bin aber die niederdeutsche Variante davon. Georg und damit auch Jürgen gehen auf das griechische Wort für "Bauer" zurück. Dass ich bäuerlichen Bluts bin, ist tatsächlich nicht abzustreiten und bei aller akademischen Aufwärtsbewegung ist mir eine gewisse Ungelenkigkeit im kultivierten Milieu geblieben, aus der ich aber versucht habe,
schriftstellerisch Kapital zu schlagen.

Aber jetzt wird gefeiert. Denn muss man das nicht bei Festen, wie sie eben so fallen? Ich will eine Gedenkminute einlegen. So viele Jürgens wie derzeit wird es wohl nie wieder in Deutschland geben. 

Montag, 20. April 2009

Kunstturnen

Hätte die Schule nur aus Sportunterricht bestanden, ich wäre Jahr für Jahr sitzen geblieben. Besonders große Demütigungen erlitt ich am Stufenbarren. Weil ich mich der in meinen Augen martialischen Übung verweigerte, wurde ich mit der Note 5    „Für’s Antreten, Herr Bräunlein!“ - abgestraft. Jetzt stoße ich zufällig auf zwei Zitate, hingekritzelt auf der Rückseite einer alten Ansichtskarte, die den Jahrhundertkünstler Pablo Picasso in der Blüte seines Alters zeigt – und prompt werde ich an die Sportstunden meiner Schulzeit erinnert. „Begriffe sind wie Turngeräte“, lese ich da... 

Aha.

Nachdem ich meine Abscheu vor Turngeräten abgeschüttelt habe, beginnt mich der Satz zu faszinieren. Er stimmt. So wichtig „Begriffe“ sind, sie sind Hilfsmittel. Mehr nicht. Die sportliche Ertüchtigung nehmen sie einem nicht ab. Nicht einmal das Denken. Und überhaupt. So eindeutig verstehbar, wie „genaue Begrifflichkeiten“ uns immer vergaukeln wollen, ist das Leben nicht. Nein! Da müssen schon ganze andere Geschütze aufgefahren werden.

Auf der Rückseite der Picasso-Postkarte steht noch ein zweites Zitat: „Kunst wirkt tiefer als der Begriff.“ Keine Ahnung, von wem dieser Satz stammt. Aber er erscheint mir noch wahrer zu sein als der erste. Will er uns nicht vor allem eines sagen: Wer ein echter Kunstturner ist, kann zur Not auch ohne Turngeräte auskommen?

Dienstag, 14. April 2009

Frühlingsbonbon

Ostern vorbei, Magen voll und die Sonne scheint immer noch. Leider hat man wenig davon, weil geschuftet werden muss. Trotzdem versuchen wir die gute Stimmung der letzten Tage in die geschrumpfte Arbeitswoche hinüberzuretten. Und das geht spielend mit den zwei talentierten Damen, die sich im Januar 1973 zu einem Duett im amerikanischen Fernsehen zusammen getan haben. Die eine wurde schon von Herzen gepriesen, die andere hat sich  als Mary Poppins einen unsterblichen Namen gemacht. Für uns singen beide jetzt ein Medley mit Evergreens à la "Up, Up and Away" und "I Believe in Music" - der Charme der Performance muss selbst Hartgesottene weich machen. Zu beachten ist außerdem das inspirierende Frühlings-Outfit unserer Sängerinnen. Please enjoy it!

Donnerstag, 9. April 2009

Tanzende Dollarnoten

Wenn es nicht wahr ist, dann ist es hübsch erfunden. „Was möchten Sie einmal werden, wenn Sie erwachsen sind?“, wurde die blutjunge, damals noch unbekannte Madonna Louise Ciccone gefragt. Antwort: „Die Welt regieren.“ Wenn man bedenkt, welche Völkermassen an Fans diese postmoderne Rattenfängerin seit über 20 Jahren hinter sich herzieht, muss man zugeben, Madonna – so klein wie Napoleon: 1,54 m - hat ihr Ziel erreicht. Landet eine Single von ihr nicht in mindestens 40 Ländern auf Platz 1 der Hitparade, gilt sie als Flop. Der Spross armer italienischer Einwanderer ist der Weltstar schlechthin. Doch wie wird man so was?

Nach der Lektüre zweier Madonna-Biografien weiß ich es immer noch nicht genau, jedoch besser als vorher. Die gewisse Musikalität, über die Madonna allen gegenteiligen Ansichten zum Trotz durchaus verfügt, ist es wohl zum geringsten Teil. Eher sind es Biss, Zielstrebigkeit und Disziplin, mit denen Dickhäuterin Madonna ihre Interessen stets durchzusetzen in der Lage ist. Nur fragt man sich, welche Interessen? Musikalische?

Nach meinen Madonna-Studien kaufte ich zum ersten Mal eine CD von ihr - „Ray of Light“ von 1998, darin der Song „Frozen“ mir noch in angenehmer Erinnerung war. Doch beim mehrmaligen Abhören merke ich, wie sich etwas in mir sperrt. Ich kann mich einfach nicht auf Madonnas Stimme einlassen, obwohl sie auf „Ray of Light“ viel besser ist als zu Beginn ihrer Karriere. Ja, es ist so, dass ich beim Zuhören unentwegt Dollarnoten vor mir tanzen sehe. Als  hätte Madonnas Gesang diesen heimlichen Unterton, ich mach’s nicht für dich, ich mach’s nicht für mich, ich mach’s nur für’s Geld. Der Stimme fehlt jede echte Warmherzigkeit. Ist das aber möglich? Kann so etwas herausgehört werden? Oder bin ich Opfer meiner Projektionen geworden und lege das Gelesene in die Musik, ohne dass ich es selbst merke?  


Freitag, 3. April 2009

Spaziergang durch die Hauptstadt



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Das flimmernde Souvenir hat unser Berlinbesuch Herr Erdmann zurück gelassen. Wir bedanken uns ganz herzlich und hoffen auf ein baldiges Wiedersehen!

Samstag, 28. März 2009

Liberté toujours!


Dass ich Juliette Gréco verfallen bin und das auch gerne, wissen die aufmerksamen Leser meines Blogs. Nun steckte mir eine Freundin, die gerade ein sehr schönes Krimidebüt hingelegt hat, augenzwinkernd eine DVD-Box zu. Tatsächlich kannte ich diese Kultserie nur vom Hören sagen, in der Juliette Gréco, wie sich im Laufe der 13 Folgen herauskristallisiert, nicht nur eine Doppelrolle spielt, sondern die Hauptrolle gar.



„Belphégor“ war 1965 ein Straßenfeger in Frankreich (1967 auch bei uns) und zu diesem Zeitpunkt war die Gréco als Chansonsängerin ganz weit oben. Vielleicht ist das ein Grund für die lässige Souveränität ihres Spiels. Als gereifte bourgeoise Femme Fatale Laurence becirct sie den jungen André Bellegarde, der dem gefährlichen Phantom des Louvre das Handwerk legen will, jenem „Belphégor“, zu dem auch Laurence rätselhafte Kontakte pflegt. Zwar ist André in die gleichaltrige hübsche Colette verliebt, möchte aber verständlicherweise erst seine Affäre mit Juliette Gréco ausleben, was von der wartenden Colette generös geschluckt wird. Colettes Vater wiederum ist Kommissar, der abends Rotwein trinkt und mit seiner Märklin spielt. Die Hauptverdächtige wiederum, eine greise Milliardärin mit Liebe zum Grammophon will ihm nach dem Verhör in die Haare fassen.

Alle Figuren sind kleine Philosophen, genauer gesagt Existenzialisten, verschroben und skurril in ihrem Handeln. Die Dialoge sind geschliffen und blitzgescheit ulkig. Natürlich hat „Belphégor“ auch zahlreiche überraschende Wendungen und ist spannend bis zum Schluss, doch das Schönste an diesem TV-Schmuckstück einer fast schon vergessenen Zeit, ist der frivole Geist, der hier in Wort und Atmosphäre herrscht, und den man am besten mit der Gauloises-Werbung umschreiben kann: „Liberté toujours!“


Montag, 16. März 2009

Feed it!


Dass das Wort zum Sonntag ausgerechnet am Sonntag verkündigt wird, hat mir nie eingeleuchtet. Am Sonntag ist ja zumeist noch alles in Ordnung. Am Tag darauf sieht es anders aus. Gerädert winden wir uns zur Unzeit aus den Bettlaken, sind kaum fähig Kaffee aufzubrühen und müssen uns doch schon wieder aufreibenden Alltagskämpfen stellen. Da täte Aufmunterung gut. Ein bisschen Lebens-Coaching für den Hausgebrauch. Bitteschön:

Ein alter Indianer erzählt seinem Enkel: “In meiner Brust wohnen zwei Wölfe. Einer ist der Wolf der Dunkelheit, der Angst, des Misstrauens, der Verzweiflung und des Neides. Der andere ist der Wolf des Lichts, der Liebe, der Lust und der Lebensfreude.” 

Da wird der Enkel nachdenklich und fragt: ”Und welcher der beiden wird gewinnen“ Der alte Indianer antwortet: “Der, den ich füttere.“ 


Samstag, 14. März 2009

Früher Geburtstagsgruß an Christa Wolf

Stimmt schon, man soll Menschen nicht älter machen als sie sind. Besonders bei fast 80-Jährigen zählt jeder Tag. Trotzdem möchte ich meinen Geburtstagsgruß für Christa Wolf, die am 18. März 80 wird, heute schon loswerden. Inspiriert, nein abgekupfert wurde er von meiner Lektüre auf der Toilette: „Der neue Raben Kalender 2009“. 

Der schöne Kalender erfreut uns Tag für Tag mit erfrischenden Petitessen. Heute morgen also ein kleiner Cartoon zum Literaturbetrieb. Man sieht zwei gepflegte, etwas ältlich wirkende Damen mit Baskenmütze und Brille vertieft im Gespräch. „Mein Lektor hat gesagt, ich sei die neue Christa Wolf“, erzählt die eine und fügt hinzu: „Das ist die schönste Ablehnung, die ich je bekommen habe!“

Freitag, 6. März 2009

Berlin, Berlin.. Meine Favoriten (1)

Nach Wittgenstein ist der Spiegel ein Instrument der Angst. Ich empfinde das auch so, bin nicht erpicht darauf, jedes Mal wenn ich eine Toilette aufsuche und hinterher meine Hände wasche, mein Gesicht über dem Waschbecken sehen zu müssen. Ich weiß nämlich sehr genau, wie ich aussehe, und das ändert sich in der Regel im Laufe eines Tages nicht.

1 zu 0 für das „Felix Austria“! 

Das charmante österreichische Degustierstüberl in Berlin-Kreuzberg verzichtet in der Toilette auf Spiegel (zumindest bei den Herren). Das ist einer von gefühlten 25 Gründen, warum dort regelmäßig einzukehren zu meinen hauptstädtischen Aktivitäten gehört. Andere Gründe sind die Käsekrainer mit Senf, das Hirschgulasch mit Serviettenknödel, der fetzig gebräunte Leberkäse und der anmutige kalte Braten. Darauf liegt geraspelter Meerrettich, als wäre es frisch gefallener Neuschnee. 

Der Wirt ist tannengroß und ebenso dünn, unauffällig präsent und hat die Lässigkeit, die einem „glücklichen Österreich“ wohl ansteht. Die rotweiß karierten Tischdecken machen mich friedlich, die Marillenknödel neben dem kleinen Braunen so glücklich, dass ich dann für einen Tag keine allzu bösen Gedanken mehr hege. Manchmal im Sommer sitze ich am frühen Mittag schreibend draußen, esse Weißwürste, trinke einen Weißwein dazu und wenn es die Inspiration gut mit mir gemeint hat, bestelle ich noch ein zweites Glas. Raucher werden im „Felix Austria“ nicht erschossen, im Gegenteil, sie haben sogar einen eigenen kleinen Speisesaal. Obwohl ich Nichtraucher bin, finde ich das völlig in Ordnung, wenn man Raucher unversehrt leben lässt.

Felix Austria, Bergmannstr. 16, Kreuzberg, 030/ 61675452, tägl. 9-24.

Mittwoch, 25. Februar 2009

Very sexy

Aus gegebenem Anlass eine Erinnerung an meine Großmutter. Eine einfache Frau, ein uneheliches Kind, eine Magd, die später einen Arbeiter im Steinbruch heiratete - meinen Großvater. Nach seinem frühen Tod lebte sie nahezu bedürfnislos, aber nicht unzufrieden in einer kleinen, düsteren 2-Zimmer-Wohnung in Nürnberg. Herd und Spüle hatten die Kargheit von Nachkriegsinventar. Das Mondänste in der ganzen Wohnung waren die Fernsehzeitschriften im Flur ("Hörzu"). Meine Großmutter war nicht geizig, sie war sparsam. Wenn sie zu uns kam, tauchte sie trockene Bamberger Hörnchen, die sie mitgebracht hatte, in den Kaffee. Ich machte es ihr nach.

Immer nach der Tagesschau um 20.15 Uhr genau packte sie ihre Handtasche, ging in den Flur und stand dort bei offener Wohnzimmertür, bis mein Vater kam und sie nach Hause fuhr. Oder mein Bruder oder noch später ich. Meine Großmutter war kein schwieriger Fahrgast. Nur das Anschnallen war ihr zuwider. Ihr spärliches Repertoire an Fragen wiederholte sie von Fahrt zu Fahrt, ohne Vertiefung zu erwarten. Sie beteuerte, wie wichtig heutzutage ein Führerschein wäre, und bewunderte meine Fahrkünste. Was ihr nicht schwer fiel, da sie nicht einmal einen Telefonapparat bedienen konnte, ohne in Schweiß auszubrechen. Und sie wollte jedes Mal wissen, ob ich eine Freundin hätte. Ich lasse mir Zeit!, antwortete ich, was ihr sofort einleuchtete.

Immer wenn sie zu Besuch kam, schenkte sie uns ein 5 Mark Stück und immer dieselbe Schokolade, die mein Bruder und ich schon lange nicht mehr essen wollten. Sie stapelte sich im Wohnzimmerschrank. Meine Mutter meinte, mein Vater sollte endlich einmal den Mut aufbringen, seiner Mutter zu sagen, dass uns die Schokolade nicht schmeckt. Doch alte Frauen sind stur, von stiller Autorität, und meine Großmutter war nicht für Abwechslung. Zum Geburtstag und zu Weihnachten gab es für uns Kinder einen 20-Mark-Schein, für meine Mutter nichts und für meinen Vater Schiesser-Feinrippunterwäsche. Besondere Kennzeichen: Doppelripp mit Eingriff, ganz schnell ausgeleierter Gummizug. Was will man mit 50 dieser Dinger im Schrank? Auch hier brachte mein Vater den Mund nicht auf. 

1986 ist meine Großmutter gestorben, die Lieferung von Schokolade und Unterwäsche hörte auf. Es war auch für Schiesser-Feinripp der Anfang vom Ende. Nie ist es dem Traditionsunternehmen gelungen das fatale Image abzustreifen, Liebestöter zu produzieren. Jetzt hat Schiesser Insolvenz angemeldet.

Donnerstag, 19. Februar 2009

Carpe diem

Was macht eigentlich Inge Meysel? Nichts mehr, sie ist tot. Selbstverständlich ist das nicht. Die ehemalige „Fernsehmutter der Nation“ starb vor knapp fünf Jahren, doch man hatte sie schon - wie einst Ernst Jünger und jetzt Johannes Heesters - für unverwüstlich gehalten. Für so unverwüstlich, dass man geglaubt hat, sie würde niemals sterben.

Vor allem im Alter hat Inge Meysel immer wieder auf den Putz gehauen und öffentlich für Unruhe gesorgt. Dass sie Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben war, hat ebenso irritiert wie ihr Geständnis, auch lesbisch gelebt zu haben. Finanziert hat sie zudem das Studium von Angela Marquardt, damals Abgeordnete der PDS (!). 

„Meschugge muss man sein, sonst hat das Leben keinen Sinn!" war ein typischer Inge Meysel-Satz, ein anderer ging so ("Von den Alten lernen oder Was mir heute Morgen beim Aufstehen geholfen hat", Folge 3): 

"Zieh dir nicht die Schuhe aus, bevor du am Fluss bist.“ . 

Das ist Lebensphilosophie. Du sollst nichts überstürzen. Weder im Alltag, noch im Beruf, noch in der Liebe. Auch bei der letzten Überfahrt nicht. Schließlich kann der Fluss immer noch eine Pfütze sein.

Donnerstag, 12. Februar 2009

Ich stehe in einer Schlange und es ist wunderbar!

Wenn mir jemand erzählt hätte, dass ich einmal eine 784 Seiten dicke Biografie über dieses englische Upperclass-Mädchen eines abgewirtschafteten Gesellschaftssystems lesen würde, ich hätte ihm glatt den Vogel gezeigt. Nun lese ich einen solchen Wälzer tatsächlich und mit dem größten Vergnügen. Die Biografie ist sorgfältig recherchiert und mit einer wahren Festung an Fußnoten abgesichert. Vor allem aber von einnehmender Bösartigkeit. Auf den Seiten prasseln die giftigen Bonmots nur so nieder. Gleich im ersten Kapitel erinnert sich die Autorin an ein Zusammentreffen im Juni 1997:

„Man hatte bei ihr den Eindruck, alles wäre in die Länge gezogen und handkoloriert worden. Die hochgewachsene englische Rose mit den zarten Wangen, die ich zum ersten Mal 1981 in der amerikanischen Botschaft als Frischvermählte getroffen hatte, schillerte wie eine Cartoonfigur. Als sie auf ihren Acht-Zentimeter-Stöckeln den Hauptspeisesaal des Four Seasons durchquerte, wirkte sie unter der hohen Decke wie eine überdimensionierte Barbarella. Ihr Chanel-Kostüm war in leuchtendem Mintgrün gehalten und die Bräunung ihrer Haut so makellos wie mit der Spritzpistole aufgetragen. Ihr leicht geröteter Teint erinnerte mich nicht nur an einen Pfirsich; die Haut war weicher als das Kuscheltier eines Babys. Kein Wunder, dass sie an der Bettkante kranker Kinder stets einen so tiefen Eindruck hinterließ.“

So also portraitiert die englische Zeitschriftenverlegerin Tina Brown, Lady Diana Spencer, besser bekannt als „Königin der Herzen“. Ich lese, dass die einst berühmteste Frau der Welt bis kurz vor ihrer Hochzeit als Putzfrau gearbeitet hat, sehr gern die Blusen ihrer Freundinnen wusch und bügelte und schmutziges Geschirr auf dem Tisch nicht ertragen konnte und deshalb selbst wenn sie zu Besuch war schnurstracks zum Spülbecken laufen musste. Ganz unabhängig davon, dass wir eine solche patente Person in unserem Männerhaushalt mit Hund gut gebrauchen könnten, war das natürlich nur eine Seite der königlichen Medaille. Die andere ging so: Lady Di, die nach eigenen Aussagen noch nie für irgendetwas angestanden hat, jauchzt in ihr Handy Ich stehe in einer Schlange! Es ist wunderbar. Mit wie viel verschiedenen Leuten man in einer Schlange zusammenkommt!“

Nein, diese Biografie ist nicht nur großartig geschrieben, sondern auch human. Denn alle (Royals) bekommen ihr Fett ab, und Tina Brown entblättert zwar sämtliche Widersprüche im Leben der tragisch Verunglückten, versäumt es aber auch nicht deren charakterlichen Qualitäten herauszuarbeiten: Dianas Warmherzigkeit und Fähigkeit zur Empathie. Trotzdem ist kaum ein Weltstar in so kurzer Zeit in Vergessenheit geraten wie sie. Muss uns das zu denken geben?