Dienstag, 3. Februar 2009

Trend im Februar: Wirf mir deine Meinung!

Es gibt anthropologische Konstanten. Doch ansonsten ist das menschliche Verhalten ständigem Wandel unterworfen, der sich oft genug schleichend vollzieht. Was heute  originell, elegant und nachahmenswert ist, wird morgen vielleicht schon für langweilig, überholt oder spießig gehalten. Noch die scheinbar widerwärtigsten Verhaltensweisen können es im Laufe der Menschheitsgeschichte zur Salon-Reife bringen. Doch wie lässt sich der Wandel rechtzeitig erkennen, um das eigene Verhalten frühzeitig anzugleichen? Das ist die vornehme Aufgabe von Trendscouts. Wer die Augen offen hält, sein feines Gespür für Kommendes pflegt und weiter entwickelt, wird fündig werden. Dieser Aufgabe möchte ich mich - als Kenner aktueller und zukünftiger "schlechter Gewohnheiten" in den kommenden Monaten widmen - exklusiv für meine Blog-LeserInnen. Unter dem Motto „Das tut man neuerdings so..“  beginne ich mit dem Trend des Monats Februar:

Wirf mir deine Meinung!

Wie die Nacht nicht allein zum Schlafen da ist, dient auch der Schuh nicht nur als Fußkleid. In zahllosen Märchen ist abhanden gekommenes Schuhwerk das Mittel der Wahl für cruisende Königssöhne die passende Braut zu finden. Das war gewiss nie das Anliegen von Klaus Wowereit, dem schwulsten Bürgermeister von Deutschland, aber selbst er begriff, dass sich mit Damenschuhen Politik machen lässt. Auf der Bambi-Verleihung im November 2001 führte er die roten Pumps von Desirée Nick fast bis zum Mund, während er eine offene Champagnerflasche schwenkte. Dass Frau Nick, eine ehemalige Klosterschülerin, ihr erotisch aufgeladenes Schuhwerk auf der Gala auszog, ist stimmig. Kenner des Alten Testaments wissen: Auf Heiligem Boden zieht man seine Schuhe aus. Der ganze Schmutz des Lebens, der ganze Dreck soll nicht vor Gottes Angesicht kommen. Und sind nicht Events wie die Verleihung der Goldenen Kamera oder der Bambis der Religionsersatz einer von Gott verlassenen Gesellschaft? Folglich haben Orte, in denen solche Veranstaltungen stattfinden, einen geweihten Boden. 

Neuerdings hat sich der Schuh aber noch viel weiter von seiner ursprünglichen Funktion emanzipiert. Seine endgültige Wandlung vom Fuß- zum Meinungsträger steht kurz bevor. Der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao ist gestern bei einer Rede in der englischen Universität Cambridge mit einem Turnschuh beworfen worden. Die Tat war der Aufschrei eines encouragierten Bürgers in einem undemokratischen Land: „Wie könnt ihr den Lügen dieses Diktators zuhören?“ Der Querulant traf nicht, wurde aber trotzdem fest genommen. Bereits im Dezember schmiss ein irakischer Journalist auf einer Pressekonferenz gleich beide (!) Schuhe auf den damaligen US-Präsidenten Bush. Auch er verfehlte sein Ziel.

Offenbar müssen die Schuh-Demonstranten noch etwas üben. Sicher: Faule Eier zu werfen ist ekelhaft, aber Schuhwerk zu schleudern kann wehtun. Trotzdem sollten wir den Trend des Monats nicht vorschnell verurteilen. Die eigenen Schuhe für die freie Meinung zu opfern ist ein Statement mit besonderer persönlicher Note und umso glaubwürdiger.  Und nicht nur Pazifisten müssen anerkennen: besser mit Schuhen werfen, als mit echten Waffen.

Kommentare:

Petra hat gesagt…

Ah schade, dass Chruschtschow deinen Beitrag nicht mehr lesen kann! (Link bei meinem Namen)

Anonym hat gesagt…

Konsequent englisch weiter gedacht, kann das nur bedeuten, dass demnächst bei ähnlichen Reden die Schuhe vor dem Saal bleiben müssen. Zumindest, wenn die Sicherheitsvorkehrungen beim Fliegen ein Vorbild sein sollten.

jueb hat gesagt…

Ja!
Das geht dann in Richtung à la Vermummungsverbot. Jetzt also: "Beschuhungsverbot".

Petra hat gesagt…

Ist das dann nicht eine Entmummung? ;-)

Marco hat gesagt…

Ah guck mal, zwei Dumme, ein Gedanke. ;)

Die Fragen hab ich mir bei mir auch gestellt. :)
(Petra hat mich hergelotst...)

Aber warum nicht. Schuhe - größte anzunehmende Gefahr für Flugzeuge und Staatsbesuche! Hehe.

jueb hat gesagt…

Willkommen Marco :-)