Freitag, 6. Februar 2009

How to write a bestseller

Sind auch Romanautoren unter meinen Blog-Lesern? Heute morgen nach zu frühem Aufstehen vertrieb ich mir die Zeit bis zum Frühstück mit der Lektüre eines Interviews, das Philip Roth dem Magazin der Süddeutschen Zeitung gegeben hat. Darin gesteht der Schriftsteller: „Wenn ich einen Roman beginne, kenne ich niemals sein Ende – das beunruhigt mich selbst jedes Mal.“

Doch damit nicht genug.  Auch die Handlung seiner Romane kennt Philip Roth vorher noch nicht, abgesehen von der Ausgangslage seiner Hauptfigur. Er macht keine Skizzen, keine Gliederung, nicht einmal ein kurzes Exposé. „Ich vertraue ganz auf plötzliche Einfälle und arbeite mich Wort für Wort vor.“ Damit hat der Autor (29 Romane bisher) offenbar die besten Resultate erzielt: „Schreiben ist ein ständiger Akt der Entdeckung. Man entdeckt Wörter, ein Schriftsteller entdeckt sein eigenes Buch beim Schreiben.“

Philip Roth steht nicht unbedingt für die Mehrheit seiner Kollegen. Alt und heftig ist die Kontroverse zwischen zwei Schriftsteller-Fraktionen: Die einen, die minuziös plotten, bevor sie auch nur eine Zeile niederschreiben und jenen, die vorher ein bisschen nachgedacht und ein bisschen was notiert haben, ansonsten aber einfach mal loslegen. Nicht nur bei Montségur  - dem Herrgott sei’s geklagt - gewinnen die Plotter in der Regel triumphierend die Oberhand - nicht wenige machen Konstruktionspläne, die an die Länge eines Kurzromans heranreichen!

Das zitierte Geständnis von Philip Roth ist da Balsam für manches geschundene, von Gewissensbissen zerklüftete Autorenherz. Deshalb durfte Mister Roth, der demnächst 76 wird,  heute in der Rubrik „Von den Alten lernen oder Was mir heute morgen beim Aufstehen geholfen hat“ (Folge 2) zu Wort kommen.

Kommentare:

Petra hat gesagt…

Danke für den Balsam, jueb.
Ich weiß von einem berühmten Krimiautor, der sich immer geweigert hat, vollständige Exposés abzugeben. Er weiß nämlich bis etwa 60 Seiten vor Schluss selbst nicht, wer der Mörder werden wird. Und er will es nicht wissen, weil er sagt, das mache die Sache auch für den Leser vorhersehbarer. Eines seiner Erfolgsrezepte.

Da wir Unberühmten leider Exposés abgeben müssen (nachher wird das Buch doch anders), arbeite ich gern mit einem Kollegen zusammen bei meinem Unveröffentlichten. Wenn es zu glatt und geplant wird, machen wir Chaosspielchen und spinnen an der Handlung herum. Seine Meinung: Ein Roman wird erst dann wirklich lebendig, wenn er Momente des Unstimmigen hat, Unlogisches, Unerwartetes (das meint aber nicht Logikbrüche und Fehler etc.)

Übrigens hat das Erstarken der Fraktion mit dem Millimeterpapier einen großen Nachteil: Ich lege immer mehr Bücher gleich weg, weil sie mich nicht mehr berühren. Ich sehe sofort den Plan dahinter und kann sogar die Schule erkennen, der die Autoren anhängen. Und es ist wie beim Fernsehfilm: Irgendwann weiß man, in welcher Minute man aufs Klo kann, weil gerade kein Turning Point ansteht. ;-)

Ich glaube, die Wahrheit liegt wie immer zwischen allen Stühlen?

Schöne Grüße,
Petra

jueb hat gesagt…

Ja, die Wahrheit liegt zwischen allen Stühlen und die können wir nach Belieben hin- und herschieben.

Vorgestern hat mich eine liebe Kollegin mit sanften Handgriffen aus dem Loch gezogen, in das ich geplumpst bin, weil ich mit meinem Plot nicht mehr weiter wusste ...

Inge Löhnig hat gesagt…

Ach lieber Jueb, liebe Petra.

War ja irgendwie klar, dass ich hier meinen Senf dazugeben muss, gell. ;-)

Das Interview habe ich auch gelesen. Beneidenswert, wenn man das kann. Als ich auf diese Weise vor Jahren meinen ersten Roman begann bin ich grandios gescheitert. Jeder muss eben seinen Weg finden ans Ziel zu kommen.
Wenn ich als Krimiautorin nicht von Anfang wüsste, wer der Täter ist und vor allem mit welcher Motivation er zum Täter wurde, könnte ich nicht schreiben. Bei meinen Figuren steht die Tat am Ende einer Entwicklung. Kurz vor Schluss selbst nicht zu wissen, wer es nun war, würde mich dazu zwingen eine andere Art von Krimi zu schreiben. Ich plane also vorher, aber nicht auf Millimeterpapier, sondern ich „hirne“ [Wortschöpfung meines Sohnes] d.h. ich beschäftige mich mit meinen Figuren bis sie ein Eigenleben entwickeln und sehe dann oft verblüfft zu, wie sie das Heft des Handelns an sich reißen. Vielleicht ist es ja so, dass manche Autoren das während des Schreibens erleben, diese Entwicklung der Figuren und das daraus resultierende Fortschreiten der Geschichte. Ich mache das eben vorher, wobei sich die ursprüngliche Idee immer verändert. Dann bringe ich das in Form von Kapielplänen zu Papier und ja: Ich gucke darauf, dass es Plotpoints und falsche Fährten gibt und ich mich Stück für Stück dem Ziel nähere.

LG
Inge

jueb hat gesagt…

"Hirnen" ist hübsch.

Beim Krimi ist das mit dem Plotten sicherlich nochmals eine spezielle Sache. Interessanterweise hat Philip Roth ja auch Romane geschrieben, in denen die Handlung nicht unbedingt so im Vordergrund steht, sondern eine Bewusstseinshaltung ausgelotet wird, wie etwa in "Jedermann" - das älter werden, das Sterben. Da kann er's mit dem Plotten natürlich etwas lockerer nehmen.

Vergessen sollte man auch nicht, dass Roth seine Romane offenbar drei- bis viermal überarbeitet. Das könnte - oh weh oh weh - auch einem Wenig-Plotter wie mir blühen!

Petra hat gesagt…

Hallo ihr beiden,
Ich hab das gerade anderswo geschrieben: Im Grunde arbeiten alle beiden Parteien gleich, sie merken es selbst nur nicht. Und daraus entsteht dann die Diskussion, wie denn nun und was denn nun.
Liest man Roths Interview aufmerksam, merkt man, der macht sich die gleichen Gedanken wie ein Listenschreiber. Er ist nur unendlich erfahrener, geübter, schneller.

Wenn man etwas sehr gut beherrscht, bilden sich irgendwann automatisch die richtigen Verknüpfungen im Kopf. Vielleicht beim Kaffeetrinken, vielleicht beim Anschalten des Computers - ich träume z.B. meine Plots manchmal. Aber bis man so etwas drauf hat, da gebe ich Inge recht, können Hilfsmittel oder Übungswege eine Menge Zeit und Fehler ersparen. Learning by Trial & Error kann sich zeitlich und energetisch auch nicht jeder leisten.

Ich hatte mal spaßhalber ins Internet gestellt, wie ich meinen zweiten Roman "durchplante" (meinen Namen klicken). Liegt mir gar nicht, empfand ich als Zeitverschwendung, als mühsame, schmerzende Hausaufgabe. Aber dadurch habe ich erst einmal begriffen, was ein "Roman" ist. Und welche Fehler und Schwächen ich sofort angehen könnte. Ich konnte ihn dadurch auch in sechs Monaten schreiben, wie vertraglich abgemacht - und nicht in zwei Jahren oder wann mich die Muse küsst.

Jetzt schreibe ich ein unendlich viel komplizierteres Projekt und meine Verlegerin hat noch nicht einmal ein Exposé. Es gibt einen Schmierzettel mit Stichworten, was unbedingt ein Kapitel werden muss. Alles andere bildet sich wie eine Landkarte während des Prozesses im Kopf und morgens "meditiere" (hirne?) ich über die aktuellen Verknüpfungen.

Es hat sich also nichts verändert, außer dass ich erfahrener bin und schneller Verknüpfungen bilde. Für einen Krimi dagegen würde ich auch zu Rätsel- und Personenlisten zurückgreifen.

Ich glaube, man sollte lebenslänglich offen bleiben, bis man "seine" Arbeitsmethode hat - die sich wieder ändern kann...

Schöne Grüße,
Petra

Alexander aka Rabe hat gesagt…

HI Jueb,
ich denke, dass bei vielen dieser Einblicke von berühmten Schrifstellern auch ein Teil Marketing dabei ist. Die einen prahlen damit, wie toll sie alles vorher geplant haben und andere eben damit, dass sie sich wenig Gedanken machen und auf das Genie warten, das dann irgendwie einschlägt. Ich glaube, dass man es dem Ergebnis in den wenigsten Fällen anmerkt, welche Methode angewandt wurde. Deshalb habe ich für mich entschieden, dass das, was beim Schreiben am meisten Freude macht, meine Methode ist. Das ist eben das Drauflosschreiben und selbst überraschen lassen.

jueb hat gesagt…

Hallo Rabe,

da hast du recht. Da ist viel Marketing dabei, Selbststilisierung, so arbeitet der Starschriftsteller.
Wenn wir berühmt sind, geben wir auch solche Interviews :-)