Freitag, 18. Juli 2008

"Gedicht der Woche"


Dass verstorbenen Dichtern von befreundeten Kollegen Poetisches nachgerufen wird, ist eine schöne Geste, dass Zeitungen das drucken verständlich. Vor allem dann, wenn der Nekrologschreiber dem Verblichenen in Punkto Prominenz auch noch überflügelt hat. Und das ist, wenn Literaturnobelpreisträger Grass einen Kollegen betrauert, ja so gut wie immer der Fall. In der aktuellen Ausgabe der ZEIT schreibt Grass für den verstorbenen Peter Rühmkorf "Verwaiste Reime". Es ist "das Gedicht der Woche" und fraglos voller Musikalität und geschmeidiger Eleganz und der tote Dichter wird liebreizend poetisch gehätschelt. Und dennoch...

Zweimal taucht ein "Wir" auf - offenbar war das Ehepaar Grass  "vier, fünf Minuten nachdem das Herz stillstand" am Bett des Toten, was zu wissen zwar nicht schaden mag, aber uns eigentlich nichts angeht. Sofort meldet sich im Gedicht das "Ich" zu Wort.  "... noch warm die Stirn auf die ich später, als sie erkaltet schon, drei Tröpfchen Grappa rieb",  so geht's weiter: "Im Schlaf gestorben: schön sein Profil, das ich zu zeichnen nicht zögerte." 

Beide Zeilen beschäftigen mich. Als der Schriftsteller Falko Hennig "Zum Kaffee beim todkranken Dichter Walter Kemposwki" geladen war, und darüber einen Feuilletonartikel schrieb, berichtete er von einem doppelten Grappa, der ihm gereicht wurde. Ist Grappa vielleicht das Abschiedsgetränk alter, sterbender Hochliteraten? Mich beschäftigt auch, dass "das lyrische Ich" sofort zum Zeichenstift griff, dazu noch ohne zu zögern. Doch fast hätte ich es vergessen, Herr Grass ist ja auch begnadeter Maler und Grafiker. Schon frage ich mich: Na, wie ist denn das Bild vom schönen Profil  geworden? Wann wird der "Rühmkorf" endlich ausgestellt?

Ich finde in diesem Gedicht wird nicht Rühmkorf, sondern Grass portraitiert.   

Kommentare:

Petra hat gesagt…

Ich muss jetzt feixen und mich an eine Lesung von Günther Grass in unserer Schule erinnern, die folglich vor 1980 stattgefunden haben muss. Getrunken hat er dabei tüchtig, das haben wir ihm nie vergessen - aber edler Grappa war's nicht...

Hicks,
Petra

jueb hat gesagt…

...dann hast du schon mindestens einen Literaturnobelpreisträger leibhaftig lesen gehört..
Was für eine tolle Schule, auf der du warst! Bei uns ist nur einmal, wenn ich mich richtig erinnere, Rosi Mittermaier aufgetreten ..

Gratulation
Jueb

Petra hat gesagt…

Ich glaub, wir hätten lieber die Rosi genommen... ;-)