Mittwoch, 10. Dezember 2008

Gefährlich nah


Was mich an Mode und Lifestyle besonders fasziniert, sind die haarsträubenden Zusammenhänge, die sich von dort aus zum großen Ganzen ziehen lassen. Rückt der Rocksaum nach oben, zieht die Konjunktur an, feiert das Karomuster ein Comeback, gibt es ein konservatives Rollback, und wenn die Krawatten schmäler werden, bricht garantiert bald der Mittelstand zusammen. All das ist totaler Quatsch und völlig richtig. Gestern zum Beispiel suchte ich nach neuen Schuhen und besuchte ausgeruht und kaufwillig Berlins größte und auch teuersten Schuhläden. Was sah ich? Nur schwarze, braune, beige Schuhe. Zum Verwechseln gleich. Ein karminroter Halbschuh war das höchste an Abwechslung. So trostlos und düster und absatzlos wie die wirtschaftliche Lage, ist es in der Herrenabteilung der Schuhläden schon immer gewesen. Muss man, bloß weil man mit einem Penis geboren wurde, immer in so langweiligen Fußkleidern herumlaufen?

Das sind Momente, wo ich gerne eine Frau wäre. Ich beneide sie um ihre Schuhabteilungen. Ach, wenn das alles wäre! Ich beneide sie auch um ihre Handtaschen! 

Fast ganze Kaufhaus-Etagen sind voll davon. Plastik, Hirschleder, Pappe. Prada, Gucci, Fendi. Alle Größen, alle Farben! Was für eine paradiesische Auswahl! Wohin aber sollen Männer Geldbörse, Autoschlüssel, Handy und Kondom, Taschenmesser und iPod stecken? Über Handgelenktäschchen, wie sie in den 70er Jahren modern waren, ist die Herrenhandtaschen-Industrie bis heute kaum hinaus gekommen. Natürlich gibt es Rucksäcke und diverse Umhängemodelle aus LKW-Planen. Aber zählen die wirklich? So laufen Männer bis heute mit von Geldbörsen und Handys ausgebeulten Hosen und Jackentaschen herum. Oder es baumelt am Gürtel der Schlüsselbund - gefährlich nah an den Genitalien. 

Schuh- und Handtaschenabteilungen zeigen erschütternd unverblümt, wie groß die Unterschiede zwischen Männern und Frauen tatsächlich sind. Riesengroß! Früher habe ich diesen Unterschied noch klein geredet, wenn nicht gar bestritten....


Kommentare:

Petra hat gesagt…

Lieber jueb,
da du dich nach eigenen Angaben in den teuersten Schuhläden herumtreibst, kann ich dir gern Adressen von noblen Maßschuhmachern zukommen lassen, bei denen du alles anfertigen lassen kannst, was der edle Männerfuß begehrt, ob in orange oder lila gepunktet, mit Stiletti oder ohne.

Grüßle von einer, die nichts schlimmer hasst als Schuhkauf und gern mit Männerrucksack herumläuft :-)

PS: Hast du mal überlegt, wer im Menschenreich um wen balzen muss? Schlimm, nich?

Petra hat gesagt…

Du bist gerade total up to date mit deinen Handtaschen, jueb!
Gestern kam in 3sat ein Beitrag ähnlicher Art, nur wurde da (zu Recht) gejammert, dass Damenhandtaschen zwar schick und bunt seien, aber meistens völlig unpraktisch und viiiiiel zu klein.

Anlass: In Bad Kissingen läuft eine Ausstellung zur Kulturgeschichte der Handtasche. Vielleicht findest du dort des Rätsels Lösung der Geschlechter?

Schöne Grüße,
Petra

jueb hat gesagt…

Wow!
Die Handtaschennot macht sich bei mir besonders im Theater bemerkbar, liebe Petra. Wohin mit der Geldbörse? Sie drückt in der Hosentasche schwer auf den Po. Wie machen das bloß andere Männer?

herzlichst
jueb

Petra hat gesagt…

Lieber jueb, frag sie doch frech?
Als ich unlängst mit meiner Freundin im Theater war, klagten wir uns gegenseitig das Leid: Was eine Frau von Welt heutzutage alles braucht! ;-)
Die notwendigen Amts- und Fahrpapiere - ein Packen! Geldbeutel, Kreditkartenbehältnis, Handy, Lippenstift, Taschentuch, scheußlich riesiger Schlüsselbund und was man noch so alles braucht, um für alle Fälle gewappnet zu sein...
Sobald du Kleingeld gewechselt bekommst, bricht die Tasche auseinander. Und die sind fürs Theater winzig, weil Frau anscheinend ihren Kram dem Manne überlässt... und der?

Ich kann dir nur meine eigenen Tricks verraten: winzige Kinderbörse zum Ausgehen, Scheine falten, wenig Münzen. Und hinein damit in diese herrlich praktische Innentasche, die Männerjacketts so haben. ;-)

Vielleicht haben andere Blogleser noch bessere Tipps?

Schöne Grüße,
Petra

jueb hat gesagt…

Mein Problem. Ich bin ein Viel- und Schnellschwitzer, deshalb sitze ich im Theater gerne ohne Jackett..

Que faire?

Herzlichst
jueb

Petra hat gesagt…

Himmelchen, bist du schwierig! ;-)
Wenn du so weitermachst, häkle ich dir einen Brustbeutel aus Tante Ernas Topflappengarn!!!
Frechstens,
Petra

Christine hat gesagt…

Darf ich mal ganz doof nachfragen, was man im Theater braucht?
Schlüssel, um wieder zu Hause reinzukommen - klar.
Geld, um sich zwischendurch einen Wein für zehn Euro oder ein winzig Oblat für zwanzig Euro zu holen - klar.
Fön, Feldstecher, Hausschuhe - eher nicht.
Der Brille nimmt sich die Nase an.
Was braucht es noch ???

Petra hat gesagt…

Du bist aber genügsam, Christine!
Da wären für den Autofahrer noch die Papiere und ein Handy für mögliche Pannen im duhunklen Wald. In meinem Alter kann man je nach Wetter auch schon mal drei Brillen nebst Behältnissen brauchen (Sonne, Lese, Fernsicht). Feldstecher war so dumm nicht, das nennt man auf Billigplätzen in großen Häusern Opernglas.
Das war das Minimum ;-)
Luxus: Fächer im Sommer, Kamm, Thermoskanne mit Champagner, Gummistiefel für unterwegs, Regenschirm...

Schlimm, gell... aber ich komme grade von einer Deutschlandfahrt zurück, wo ich im Kofferraum bei dem Wetter tatsächlich für Notfälle Gummistiefel, dicken Wollpulli, Sprudel, Decke und Hundenotverpflegung spazierenfahre. Könnt ihr Großstadtpflanzen euch gar nicht vorstellen ;-)

Schöne Grüße,
Petra

Christine hat gesagt…

Ja, liebe Petra, so bin ich: simpel und (daher) selig.

Der Kofferraum ist aber eine ganz andere Sache. Ich wag ja nicht zu sagen, bzw. schreiben, was sich darin alles befindet. Jedenfalls nichts, was auf ein Großstadtpflänzchen hindeutet. Das ist eher die Ausrüstung Bergbesteigung, Notfallkoffer, Stammkunde beim Sperrmüll und Hundebesitz mit Schmuddel-Abo.

Von Handtaschen versteh ich schon mal gar nix, von Schuhen ooch nich, ich sag ja: simpel und selig :-)