Freitag, 14. November 2008

Selber schuld?


Christoph Schlingensief spricht in der taz vom 13.11. über seine schwere Krankheit. "Für mich hat Krebs ein zweites Gesicht. Viele Leute, die krank werden, haben sich in ihrem Lebenshaushalt etwas geleistet, was ihnen nicht gutgetan hat." An anderer Stelle wird er noch grundsätzlicher: "Krebs ist gerade überall mehr im Kommen, weil die Verstellung zunimmt. Das größte immunologische Problem ist der Kopf, die durchimmuniserte Gesellschaft, wie es Sloterdijk genannt hat. Diese Köpfe, die sich mit allem schon zurechtgefunden haben. Tief drin ist da eine Störung, der Mensch weiß, dass er das nicht alles aushält." Schließlich kommt Schlingensief nochmals auf sich selbst zu sprechen: "Ich habe gelitten unter dem, was ich mir selber eingebrockt habe."

Das Gesagte befremdet mich, besonders der letzte Teil. Fast schon körperlich spüre ich meine Abwehr. Schlingensiefs Sätze, so verständlich sie in seiner Situation sein mögen, erinnern mich an einen Krankheits- und Körperdiskurs, mit dem man es schon lange übertrieben hat. Was hat mir meine Krankheit zu sagen? Meine Krankheit hat einen tieferen Sinn, ja, ich habe sie gar selber verursacht. Dem, der taub wird, erklärt der Psychologe: Denken Sie mal darüber nach, was Sie in ihrem Leben nie hören wollten.  Dem Kranken werden Verstellung oder Verdrängung unterstellt und dahinter blitzt, wie versteckt auch immer, ein selber schuld auf. In letzter, christlicher Konsequenz - Schlingensief ist überzeugter Katholik - heißt das: Du bist krank, weil du schuldig geworden bist. 

Muss der Kranke, der mit seinem ramponierten Leib schon genügend geschlagen ist, sich auch noch mit Schuldgefühlen zuschütten? Krebs ist einfach Scheiße, die Krankheit sinnlos.

Kommentare:

Petra hat gesagt…

Wird man sich in dieser Frage je einigen können?
Da vermengen sich, wie du richtig feststellst, unterschiedliche Denksysteme. In diesem Fall der christliche Schuldmythos (den die Esoteriker übrigens noch auf die Spitze treiben) - mit der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass psychosomatische Einflüsse auf viele (aber nicht alle) Krankheiten nicht zu leugnen sind und dass unser Immunsystem extrem auf Stress und psychische Einflüsse reagiert.

Nur kann man das aber nicht gleichstellen. Psychosomatik hat mit Schuld nichts zu tun. Und so lange die Wissenschaft für eine Krankheit nicht eine einzige Ursache definieren kann, lässt sich nicht einmal diese Seite beantworten (siehe Gebärmutterhalskrebs, wo erst heute die Erkenntnis kommt, dass das ein Virus verursacht).

Trotzdem kann ich Schlingensief verstehen. Ich hatte einen Freund, der immer gesagt hat, "ich sollte endlich aufbegehren gegen mein Leben, die Frau verlassen, die ich nicht liebe". Hat er nicht gemacht, hat Qualen gelebt. Bekam zwei Krebssorten auf einmal, u.a. Darmkrebs. Und hat dann gesagt: Ich bin mir sicher, wenn ich die Kurve früh gekriegt hätte, wäre ich jetzt gesünder. Aber ich hab alles in mich hineingefressen, immer geschluckt."

In dem Moment, in dem er trotz schwerster Krankheit seine Frau endlich verlassen wollte, ist er gestorben.

Selbst schuld? Glaube ich nicht. Aber ich glaube, dass der Mann unendlich viel Kraft anderswo verschlissen hat, die er für seine Gesundheit gebraucht hätte und dann für den Kampf gegen den Krebs. Ich glaube auch, wenn der Mann die Kraft gehabt hätte, früh auf seinen inneren Schmerz zu hören (nicht nur den körperlichen) anstatt ihn wegzudrücken, dann wäre er nicht erst zum Arzt, als alles zu spät war.

Kann man das wirklich alles so einfach voneinander trennen? Kann man Zusammenhänge behaupten? Werden wir das je erfahren?

Nachdenkliche Grüße,
Petra

jueb hat gesagt…

Liebe Petra,

ich finde, das hast du sehr klug und differenziert gesagt. Ich gebe dir recht!

Was mich bei Schlingensiefs Äußerungen gestört hat, dass er pauschal und undifferenziert ausholt zu eher absolut gesetzten Erklärungsmodellen. Gewiss wollte er auch provozieren und das ist eigentlich ein gutes Zeichen, dass er genau das wieder tut: provozieren!

Denn alles in allem bin ich ein großer Fan von Schlingensief und freue mich, dass es ihm wieder besser geht...

Herzlichst
jueb

Petra hat gesagt…

jueb, du bist doch auch Journalist,
du weißt, wie groß der Unterschied zwischen dem Interview als Vorgang und dem Aufgeschriebenen sein kann.
Und wenn man Presse gewohnt ist, spricht man vielleicht eher in Schlagzeilen? Aber er bringt uns zum Nachdenken...

Möge er sich noch in vielen Werken austoben! Ich mag seine Arbeit nämlich auch.

Schöne Grüße,
Petra

Christine hat gesagt…

"wie groß der Unterschied zwischen dem Interview als Vorgang und dem Aufgeschriebenen sein kann."

Das hast Du aber sehr elegant ausgedrückt, liebe Petra :-)

AngelOfDark hat gesagt…

Hallo...

ist schon schwierig, vor allen Dingen unter 'Esoterikern'
einerseits heißt es immer, dass das Unterbewusstsein viel mehr Einfluss hat, als man ihm zugestehen möchte
andererseits wehre ich mich gegen solche 'Erkenntnisse', eben weil es einem Schuldeingeständnis gleichkommt
einerseits sehe ich es so, dass der Mensch durchaus für das verantwortlich ist, was ihm widerfährt
andererseits wäre es viel zu einfach, die Verantwortung nur dem Menschen, dem das passiert 'in die Schuhe zu schieben' (wer weiß, was dann die Krankenkassen dazu sagen...)
die letztendliche Konsequenz wäre dann ja, dass man alle physischen Einflüsse leugnet und rein theoretisch mit gefestigtem Geist in Atombombentestgebieten rumspazieren können müsste (wassn Satz)
...warum kann ich dann nicht fliegen?

und nö, das ist durchaus keine rein christliche Angelegenheit und ich denke, mit Katholizismus hat das auch weniger zu tun ;)

hachja, eigentlich wollte ich mich nur für den (1.) Kommentar auf meinem Blog bedanken, der irgendwie im Spam gelandet ist (und Wordpress scheint sich dann nicht zu melden)...das hat mich jetzt aber doch wieder zum Nachdenken gebracht

Viele Grüße
Claudia
AngelOfDark
...die lieber Gedichte schreibt, als Texte...