Rosamunde Pilcher, Tochter eines Marineoffiziers und Queen of Kitsch und Happy-End, gestand jetzt "Ich finde es kleinlich, die Jackentasche eines Mannes zu durchsuchen, wie manche Frauen das tun, weil der Mann eine Freundin in der nächsten Stadt hat."
Samstag, 10. Januar 2009
Samstag, 27. Dezember 2008
Sonntag, 14. Dezember 2008
Das Krönungswerk des Teufels
Umgeben ist sie von Freundinnen und Bekannten und vielen Verwandten, der Tochter, dem Schwiegersohn, den Enkeln, den Schwestern, Nichten und Neffen und sogar einem Mops. Alle halten ein voll gefülltes Sektglas hoch - von den Kindern und dem Mops selbstverständlich abgesehen - und wollen anstoßen, doch noch ist es nicht soweit, die Jubilarin bedankt sich bei allen Gästen fürs Kommen und hat noch etwas mitzuteilen, so viel Zeit müsse schon sein, gerade mit 80, ihr seien nämlich vor kurzem ein paar schöne Zeilen zugeflogen, sinnreiche und einleuchtende Zeilen, die jetzt vorzutragen, ihr mehr als passend erscheine, Zeilen der Heiligen Teresia von Avila, die schon über 425 Jahre tot sei, doch was sie da geschrieben hätte, wäre durchaus von Bestand und es füge sich zudem ausgezeichnet, dass sie als Älteste hier im Raum den kleinen Text vortrüge, der eigentlich ein Gebet sei und den Titel habe "Gebet des älter werdenden Menschen" und so hob Ursula an und rezitierte und alle Gäste, selbst die Allerkleinsten und sogar der erst zweieinhalb Jahre alte Mops, lauschten dem Geburtstagskind mit großem Gewinn:
"O Gott, Du weisst besser als ich,
dass ich von Tag zu Tag älter
und eines Tages alt sein werde.
Bewahre mich vor der Einbildung,
bei jeder Gelegenheit und zu
jedem Thema
etwas sagen zu müssen.
Erlöse mich von der grossen Leidenschaft,
die Angelegenheiten
anderer ordnen zu wollen.
Lehre mich, nachdenklich aber nicht grüblerisch,
hilfreich aber nicht diktatorisch zu sein.
Bei meiner ungeheuren Ansammlung von Weisheit
erscheint es mir ja schade, sie nicht weiterzugeben
- aber Du verstehst,
o Gott,
dass ich mir ein paar Freundinnen erhalten möchte.
Lehre mich schweigen
über meine Krankheiten und Beschwerden.
Sie nehmen zu - und die Lust, sie zu beschreiben,
wächst von Jahr zu Jahr.
Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen,
mir die Krankheitsschilderungen anderer
mit Freuden anzuhören,
aber lehre mich, sie geduldig zu ertragen.
Lehre mich die wunderbare Weisheit,
dass ich mich irren kann.
Erhalte mich so liebenswert wie möglich.
Lehre mich, an anderen Menschen
unerwartete Talente zu
entdecken,
und verleihe mir, o Gott, die schöne Gabe,
sie auch zu erwähnen
Ich möchte keine Heilige sein
- mit ihnen lebt es sich so
schwer -,
aber eine alte Griesgrämin
ist das Krönungswerk des Teufels."
Mittwoch, 10. Dezember 2008
Gefährlich nah
Das sind Momente, wo ich gerne eine Frau wäre. Ich beneide sie um ihre Schuhabteilungen. Ach, wenn das alles wäre! Ich beneide sie auch um ihre Handtaschen!
Fast ganze Kaufhaus-Etagen sind voll davon. Plastik, Hirschleder, Pappe. Prada, Gucci, Fendi. Alle Größen, alle Farben! Was für eine paradiesische Auswahl! Wohin aber sollen Männer Geldbörse, Autoschlüssel, Handy und Kondom, Taschenmesser und iPod stecken? Über Handgelenktäschchen, wie sie in den 70er Jahren modern waren, ist die Herrenhandtaschen-Industrie bis heute kaum hinaus gekommen. Natürlich gibt es Rucksäcke und diverse Umhängemodelle aus LKW-Planen. Aber zählen die wirklich? So laufen Männer bis heute mit von Geldbörsen und Handys ausgebeulten Hosen und Jackentaschen herum. Oder es baumelt am Gürtel der Schlüsselbund - gefährlich nah an den Genitalien.
Schuh- und Handtaschenabteilungen zeigen erschütternd unverblümt, wie groß die Unterschiede zwischen Männern und Frauen tatsächlich sind. Riesengroß! Früher habe ich diesen Unterschied noch klein geredet, wenn nicht gar bestritten....
Freitag, 28. November 2008
Pakete schnüren
Dass Geld arbeitet, haben wir jahrzehntelang nicht nur in der Bankwerbung vernommen und deshalb geglaubt. Nun rücken wir dem verführerischen Satz mit der Lupe zu Leibe: Was ist, wenn mein Geld plötzlich krank wird oder gar arbeitslos? Wie ist es abgesichert und was tut der Betriebsrat?
Was ich auch nicht verstanden habe, die seitengroße Image-Anzeige von Opel in der Zeitung. Die Bürgschaft, welche die Bundesregierung im Rahmen eines "Rettungspakets" für den Autokonzern übernommen hat, koste dem Steuerzahler keinen Pfennig, wird da behauptet. In der Schule habe ich über die möglichen finanziellen Konsequenzen einer Bürgschaft ganz anderes gelernt.
Die Rede ist derzeit viel von "Maßnahmepaketen", die eilig geschnürt werden. Mit Paketen habe ich meine eigenen Erfahrungen gesammelt. Meine Eltern vertrieben Schleifpapier und Industriebedarf und mehrmals in der Woche mussten Dutzende von Pakete mit Schleifbändern, Schleifscheiben und ähnlichen Produkten mehr gepackt werden. Mit Schnüren kam man da nicht weit. Die Pakete in den Wagen zu wuchten war jedes Mal Schwerstarbeit. Aber wir wussten wenigstens immer genau, was in den Paketen drin war.
Die Maßnahmenpakete, welche die Bundesregierung gerade schnürt, wirken hingegen mehr als mysteriös, haben allerdings auch einen anderen Sinn: Sie sollen Vertrauen bilden. Denn die Finanzkrise sei eine Vertrauenskrise, wie überall behauptet wird. Auch das verstehe ich eigentlich nicht. Wenn wir uns allen vertrauen würden, wäre wieder alles gut? Und das Geld käme dann automatisch zurück? Ist das ein Weihnachtsmärchen?
Kürzlich hat auch Boris Becker ein Paket geschnürt anlässlich der bevorstehenden Vermählung mit der 25-jährigen Sady Meyer-Wölden, doch die Hochzeit platzte. "Das ganze Paket hat eigentlich gestimmt", lässt sich die Tennislegende rückblickend zitieren. Offenbar war es nicht vertrauensbildend genug.
Freitag, 14. November 2008
Selber schuld?
Das Gesagte befremdet mich, besonders der letzte Teil. Fast schon körperlich spüre ich meine Abwehr. Schlingensiefs Sätze, so verständlich sie in seiner Situation sein mögen, erinnern mich an einen Krankheits- und Körperdiskurs, mit dem man es schon lange übertrieben hat. Was hat mir meine Krankheit zu sagen? Meine Krankheit hat einen tieferen Sinn, ja, ich habe sie gar selber verursacht. Dem, der taub wird, erklärt der Psychologe: Denken Sie mal darüber nach, was Sie in ihrem Leben nie hören wollten. Dem Kranken werden Verstellung oder Verdrängung unterstellt und dahinter blitzt, wie versteckt auch immer, ein selber schuld auf. In letzter, christlicher Konsequenz - Schlingensief ist überzeugter Katholik - heißt das: Du bist krank, weil du schuldig geworden bist.
Muss der Kranke, der mit seinem ramponierten Leib schon genügend geschlagen ist, sich auch noch mit Schuldgefühlen zuschütten? Krebs ist einfach Scheiße, die Krankheit sinnlos.
Samstag, 8. November 2008
Die Abgelegten
Die zwei aktuellen "Abgelegten" könnten unterschiedlicher nicht sein. "Flug 2039", ein Roman des amerikanischen Kulturautors Chuck Palahniuk ("Fight Club") und das Debüt von Thomas Pletzinger "Bestattung eines Hundes".
"Flug 2039" ist die bizarre Geschichte um den Selbstmord der Mitglieder einer radikalen Kirchensekte. Der zynische Ich-Erzähler ist der letzte Überlebende dieser "Credisten". Das Ganze beginnt überraschend und rasant, ist einnehmend skurril, die Sätze sind pointenreich, es liest sich im Galopp, doch nach gut 100 Seiten lahmt es. Es ist Fast-Food-Stil mit kurzen, effektvoll auftrumpfenden Sätzen und einer kalkuliert eingeflickten Bildlichkeit, aber alles ist nur funkelnde Oberfläche, groteske Fassade und kein Tiefgang. Wo bleibt die Geschichte, glaubwürdiges Personal?
Thomas Pletzinger hingegen hat am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert und sieben Jahre an seinem Erstling geschrieben. Das merkt man! Erst bin ich beeindruckt von Sprachgefühl und Dichte, von der Lakonie des Tons und der sensiblen Annäherung an die Figuren, dann setzt auch hier nach eben der Hälfte eine schreckliche Ermüdung ein. Auf die eigentliche Geschichte (ein Paar in der Krise) wird eine zweite Geschichte draufgesetzt und in der Verschachtelung mit allerlei hochpoetischen Spiegelungen wird die Kunstanstrengung immer lesbarer. Und der Wunsch, elaboriert zu schreiben. Ein epischer Sog, der einen mitreisst, sieht anders aus.
Nun liegen beide Bücher herum wie Liebhaber, die man nach fünf Umarmungen nach Hause geschickt hat, die aber einen Zettel mit ihrer Telefonnummer hinterlassen haben, der mich vorwurfsvoll ansieht. Ex und hopp? Fehlt mir die Geduld? Die Ausdauer? Irgendwie finde ich es nicht in Ordnung, ein Buch nach der Hälfte aufzugeben. Eine Freundin beendet Romane - wenn überhaupt - nach den ersten zehn Seiten, spätestens nach der Mitte aber haben alle Bücher gewonnen. Habe ich das falsche Timing? Ist mein Urteil so wackelig? Ich werde darüber nachdenken.
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